(Münchner Merkur, 18.01.2010)

Gräfelfing – Sollte die Großzügigkeit der Konzertbesucher sich die Waage gehalten haben mit der reifen Leistung der Interpreten, müssten die Spendenkörbchen am Freitag übergequollen sein. Mit seinem Entschluss, zum sechsten
Neujahrskonzert das Collegium Vocale St. Wolfgang“ einzuladen, hatte der Bürgerverein Gräfelfing-Lochham ins Schwarze getroffen. Wie sehr, zeigten die weit über hundert Zuhörer in der Aussegnungshalle des Gräfelfinger Friedhofs vom
ersten Moment an. Von dem semiprofessionellen Chor-Ensemble waren sie so angetan, dass sie den neun Frauen und zehn Männern aus der Haidhauser Pfarrei St. Wolfgang in München immer wieder langen, herzlichen Beifall spendeten.

Und das, obwohl sich das Programm als ebenso ungewöhnlich entpuppte wie der Veranstaltungsort, weil sich unter den
Komponisten der Chorsätze aus England und dem Baltikum fast ausschließlich Zeitgenossen fanden. Aber die modernen Motetten, in die ich Renaissance-Elemente, Fugati und dissonant reibende Klänge in einem aufregenden Mix der verschiedensten Stile mischten, vermochten mit ihrem besonderen Reiz das Publikum im Verlauf von mehr als einer Stunde zu fesseln. Es machte richtiggehend glücklich, mitzuerleben, wie sehr die Chorsänger die Intentionen ihres Dirigenten Stefan Ludwig umsetzten. Artistisches Spiel mit dynamischen Schattierungen, homogener Chorklang mit satten Bass- und leichten Tenorstimmen, rundem warmen Alt und höhensicherem Sopran, und als Dreingabe gelungene Soloeinlagen (Diana Ludwig, Christian Leibold, Andreas Pürtinger) ließen den Werken von George Dyson oder Herbert
Howells, von Peter Warlock, Eric Withacre und anderen mehr hervorragende Behandlung angedeihen.

Der Chor, der sich mit sportiver Angriffslust extrovertiert gab, tritt auch gesangstechnisch in neuere Fußstapfen. Die relativ vibratoarmen Stimmen, die gerade in höheren Sopranlagen auffielen, sind, wie Ludwig erklärte, dem Repertoire geschuldet, weitgehend Literatur aus der englischen Kathedralmusik. Thomas Rothfuß setzte zwischendurch an der
Orgel immer wieder eins rauf. Nicht zuletzt auch die Entscheidung, den Chor an der gewölbten Seitenwand zu
platzieren, machte den Abend zum Erlebnis, musikalisch wie akustisch gleichermaßen.

Die Spenden der Konzertbesucher gehen an das Projekt Mahlzeit-Patenschaften der Malteser.

VON ELISABETH BRANDL

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