(Münchner Merkur 26.06.2009)

In betont selbstbewusster Stimmung hat sich der Bürgerverein Gräfelfing-Lochham (BVGL) am Mittwochabend zu seiner
jährlichen Mitgliederversammlung getroffen. Vor allem die CSUFraktion und Bürgermeister Christoph Göbel waren Ziel kämpferischer Töne.

Gräfelfing – Sollte es bei der Gräfelfinger CSU nach der Kommunalwahl die Erwartung gegeben haben, im Bürgerverein
einen mehr oder inder willfährigen Mehrheitsbeschaffer zur Verfügung zu haben, machte spätestens diese Mitgliederversammlung einen dicken Strich durch solches Kalkül. Die „zwei Umfaller“, auf die der Bürgermeister und die CSU im Gemeinderat regelmäßig angewiesen seien, werde man jedenfalls nicht stellen, beteuerte Fraktionschef Florian
Renner, der sich über weite Strecken wie ein Wahlkämpfer anhörte.
„Der Lack ist ab“ – diesen Slogan, einst auf die umstrittene Wahl der Bürgermeister-Stellvertreter gemünzt, verpasst
Renner inzwischen der gesamten Gemeinderatsarbeit.
Ausgelöst durch die Machtverhältnisse – sprich: Übermacht der CSU – herrsche in dem Gremium eine „ungute Stimmung und Misstrauen zwischen den Fraktionen“. Persönliche Interessen spielten eine größere Rolle als jene der Bürger.
Der Bürgermeister trage dazu bei. Renner: „Kurzfristige Beschlüsse unter Zeitdruck häufen sich.“ Es werde ein Konstrukt aufgebaut, das den Gemeinderäten suggeriere, sofort entscheiden zu müssen, wenn sie der Sache nicht schaden wollten. Ein Beispiel für diese „Friss-oder-stirb-Methode“ sei die geplante Sanierung des Alten Rathauses, wo „in fünf Minuten über
zwei Millionen Euro“ habe entschieden werden sollen. Zum Glück sei hier erreicht worden, sich zunächst auf den Substanzerhalt zu beschränken und sich nicht vom 100. Jubiläum treiben zu lassen.

Ähnlich seien Bürgermeister und Verwaltung beim Thema der Lochhamer Volksschule vorgegangen: Mit der
Förderung durch das Konjunkturpaket sei Druck gemacht worden, um eine Entscheidung zu bekommen, obwohl
es weder ein Sanierungskonzept noch eine ausreichende Abwägung über Neubau oder Sanierung gegeben habe.

Renner: „Während der Bürgermeister breit grinsend wöchentlich in der Zeitung ist, bleibt die Sache oft auf der Strecke.“

Kritik gab es erwartungsgemäß auch beim Thema Rudolf-und Maria-Gunst-Haus. Hier hätten Bürgermeister und Verwaltung mit dem geplanten Verkauf den „vollkommen falschen Weg“ eingeschlagen, weil sie „die Dollar-Zeichen in den Augen“ hätten. Zudem sei das BRK „nicht der richtige Partner dafür“.

„Vom heißen Wahlkampfthema Tunnel hört man auf einmal nichts mehr“, ätzte Renner weiter. Der Bürgerverein
sei „kein Tunnelgegner“, aber das Projekt müsse „seriös finanzierbar sein und nicht auf Kosten späterer Generationen
durch Grundstücksverkäufe“.
Nicht nur die CSU, auch die AIG bekam ihr Fett weg. Diese Gruppierung tue „Gräfelfing und dem Gemeinderat nicht gut“, diagnostizierte der BVGL-Fraktionschef. Als Grund nannte er die stoische Ablehnung des Gräfelfinger Baurechts sowie „sachfremde Einwürfe“ und – sinngemäß – ungelenkes kommunalpolitisches Agieren.

BVGL-Vorsitzender Olaf Grohmann hatte in seinem Bericht das grundsätzliche Bekenntnis des Bürgervereins zur St. 2063 neu bekräftigt und kritisiert, dass die vom BVGL beantragte Ansiedlung des internationalen Kindergartens Sunrise ABC wiederholt gescheitert sei. Dies habe bei den Betreibern zu „erster Frustration“ geführt. Den Bürgerverein sieht Grohmann auf einem guten Weg. Es gebe neue Mitglieder, und mit einem überarbeiteten Internet-Auftritt sei ein wichtiger Schritt getan, auch jüngere Gräfelfinger für die Gruppierung zu interessieren und an sie zu binden.
Nicht zuletzt sah Grohmann sich zu der Feststellung veranlasst, der Bürgerverein werde „auch zukünftig als eigenständige
Gruppierung auftreten“. Eine pauschale Annäherung an die IGG, wie vereinzelt zu lesen war, werde es nicht geben, lediglich „thematische Zusammenarbeit mit anderen Fraktionen“ – was angesichts der CSU-Stärke auch nötig sei.

VON MARTIN SCHULLERUS

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.